Anna Seidl

Anna Seidl wurde am 19. Juli 1931 in Hödnitz (Hodonice) bei Znaim geboren. Wahrscheinlich gehörte sie zu den nach dem Zweiten Weltkrieg Vertriebenen.

Im Juni 1947 kam sie, noch vor ihrem 16. Geburtstag, als Dienstmagd in die Fochlermühle.

Bald fing der 22-jährige Sohn der Schwester des Chefs, Erich Rebitzer, ein sexuelles Verhältnis mit ihr an. Sie trafen sich nachts entweder bei ihm oder bei ihr im Zimmer. Ihres befand sich im Parterre des Hauses, wo sich auch die Küche und die Stube des Müllers und seiner Frau befand.

Auch für die Mordnacht vom 22. auf den 23. Februar 1948 soll Erich sie für Mitternacht zu sich bestellt haben. Sie gab später an, dieses Date verschlafen zu haben.

Am Montag, den 23. Februar, stand Anna früh auf und machte Frühstück. Um 7:00 Uhr versuchte sie das erste Mal die Müllerfamilie durch Klopfen zu wecken. Um 7:30 Uhr: wieder nichts. Um 8:00, als die Müllerin und ihr Mann noch immer nicht aufgestanden waren, ging sie zum Schlafzimmer. Sie zog die unverschlossene Tür auf, ging hinein und erblickte den blutverschmierten Franz Fochler starr im Bett liegend.

Anna Seidl lief in den Hof hinaus und schrie: „Der Chef ist tot!“. Die Müllersburschen und der Buchhalter eilten herbei. Seidl rannte hinauf zu den Rebitzer und holte Erich und Therese. Erich, der von den beiden als erster da war, stürzte kurz ins Mordzimmer und lief darauf sofort zum Gendarmerieposten. Seidl ging mit Therese ins Zimmer und beobachtete, wie diese hinüber zur Müllerin ging und sich bückte. Bei der Einvernahme sagte sie aus, dass diese sich dort zu schaffen gemacht habe und danach plötzlich eine Pistole auf dem Boden lag und die Hand der Toten aus dem Bett darüber hing. Laut Seidl sagte Therese dann: „Das kann nur die Mitzi gemacht haben!

Wie es Anna Seidl in den nächsten Wochen erging, davon war nichts zu erfahren. Sie erlebte das Begräbnis und den Umschwung in der Mühle aus der Sicht des Dienstmädchens mit.

Am 23. September 1948 kündigte Seidl das Dienstverhältnis, weil es für sie unerträglich geworden war: „Es war nicht mehr so wie früher. Frau Fochler war so gut zu mir, aber die Frau Rebitzer ist eine böse Frau. Ich habe immer zur jungen Frau gehalten, und das wurde mir schlecht gelohnt. Ich bin daher von selbst gegangen.“ Sie ging danach nach Wien und arbeitete dort als Dienstmädchen.

Beim Prozess gegen Erich Rebitzer stritt dieser ab, dass er mit Seidl ein Rendezvous für diese Nacht abgemacht haben soll, obwohl er dies in seinen früheren Geständnissen selbst so angegeben hatte.

1963 stellte das Justizministerium Untersuchungen zur Wiederaufnahme des Verfahrens gegen Rebitzer an. Anna Seidl war zu dieser Zeit schon mit Alfred Baumgartner verheiratet und wohnte in Wien. Bei ihrer Befragung schwächte sie ihre früheren, für Therese Rebitzer schwer belastenden Aussagen weitestgehend ab. Gründe dafür sind nicht überliefert.

Sie starb am 12. August 2020 in Wien und wurde auf dem Stammersdorfer-Zentral Friedhof begraben.